Liebe Eltern,
Sie haben nun eine Diagnose für Ihr Kind erhalten – AD(H)S.
Viele Familien erleben diesen Moment als Mischung aus Erleichterung, Verunsicherung und
vielen offenen Fragen. Dieser Leitfaden soll Ihnen Schritt für Schritt zeigen, wie Sie nun
weiter vorgehen können, welche Unterstützungsangebote es gibt und was Sie konkret
beantragen oder organisieren können.
Bitte verstehen Sie diesen Ratgeber als Orientierung. Nicht alles ist für jedes Kind passend –
Sie dürfen auswählen, priorisieren und in Ihrem Tempo vorgehen.
Weiterführende Informationen finden Sie zusätzlich auch in unserem ADHS
Informationsmaterial!

Was bedeutet die Diagnose AD(H)S?
• ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom): Kinder mit ADS haben oft Schwierigkeiten,
ihre Aufmerksamkeit über längere Zeit auf eine Aufgabe zu richten. Sie wirken
verträumt, lassen sich leicht ablenken und vergessen Dinge schnell. Statt impulsiv zu
handeln, ziehen sie sich manchmal zurück oder brauchen länger, um in Aktion zu
treten. Ihr inneres Erleben ist oft sehr intensiv, auch wenn sie es nicht immer zeigen.

• ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung): Neben den
Aufmerksamkeitsproblemen fällt es Kindern mit ADHS schwer, Impulse zu
kontrollieren und ruhig zu bleiben. Sie sind oft sehr energiegeladen, reden viel,
unterbrechen andere oder wechseln schnell von einer Aktivität zur nächsten. Ihr
Bewegungsdrang ist ausgeprägt, und es kann herausfordernd sein, lange still zu sitzen
oder sich auf eine einzelne Aufgabe zu konzentrieren. Gleichzeitig sind sie oft
neugierig, kreativ und begeisterungsfähig.

1. ADHS/ADS ist keine Frage von fehlender Erziehung oder mangelnder Motivation,
sondern einer Besonderheit der Aufmerksamkeits- und Selbstregulation.
Nach der Diagnose: Erste Handlungsschritte und konkrete Anlaufstellen
Diagnose verstehen und mit Ihrem Kind besprechen

Für Eltern:
• Informieren Sie sich schrittweise über ADHS/ADS (z. B. durch Elternratgeber,
seriöse Informationsmaterialien oder ärztliche/therapeutische Beratung). Ein
besseres Verständnis hilft, das Verhalten Ihres Kindes einzuordnen und im Alltag
angemessen zu reagieren.• Jedes Kind ist mehr als seine Diagnose und bringt individuelle Stärken und
Fähigkeiten mit.

Für Ihr Kind:
• Sprechen Sie altersgerecht und wertschätzend mit Ihrem Kind über ADHS/ADS.
• Vermitteln Sie, dass es keine Schuld trägt und Unterstützung bekommen darf.
• Betonen Sie Stärken und Ressourcen Ihres Kindes.
2. Diagnoseunterlagen sichern und sammeln
Bewahren Sie alle diagnostischen Unterlagen sorgfältig auf und fertigen Sie Kopien an. Diese
können die Beantragung von Unterstützungsangeboten (z. B. Schule, Therapie, Jugendamt)
erleichtern.

➔ Checkliste wichtiger Unterlagen:
• Psychologischer oder ärztlicher Befundbericht
• Schulberichte und Zeugnisse
• Entwicklungsberichte (falls vorhanden)

Grundregel:
Unterstützungsmaßnahmen sollten dort ansetzen, wo die Schwierigkeiten auftreten: beim
Kind, im familiären Umfeld oder in Kita bzw. Schule.
3. Kita: Antrag auf erhöhten Förderbedarf stellen
Wann? Diese Unterstützung kommt infrage, wenn Ihr Kind im Kita-Alltag mehr Struktur,
Begleitung oder Aufmerksamkeit benötigt, die Teilhabe aber grundsätzlich möglich ist.

Mögliche Unterstützung:
• Zusätzliche pädagogische Fachkraftstunden
• Besserer Betreuungsschlüssel
• Heilpädagogische Förderung im Kita-Alltag

➔ So gehen Sie vor:
Der Antrag wird in der Regel gemeinsam mit der Kita bei dem zuständigen
Jugendamt des Wohnbezirks gestellt.
4. Schule: Nachteilsausgleich beantragen & schulische UnterstützungWas ist ein Nachteilsausgleich?
Ein Nachteilsausgleich zielt auf die Art der Leistungserbringung (Zeit, Form) ab, nicht auf die
inhaltliche Bewertung (Note) und sorgt so für Chancengleichheit. Er wird nicht im Zeugnis
vermerkt.

Typische Maßnahmen:
• Zeitverlängerung bei Klassenarbeiten
• Pausenregelungen / Bewegungsphasen
• Nutzung von Hilfsmitteln (z. B. Timer, Kopfhörer)
• Mündliche statt schriftliche Abfrage
• Reizreduzierter Arbeitsplatz
• Klare Regeln und transparente Erwartungen
• Aufgaben in kleinere Schritte gliedern

➔ So gehen Sie vor:
1. (Formlosen) Antrag schriftlich an die Schulleitung stellen
2. Diagnosebericht (z.B. von einer*m approbierter*n Kinder- und
Jugendlichenpsychotherapeut*in) beifügen
3. Gespräch mit Klassenlehrkraft / Förderkoordination führen
Der Nachteilsausgleich ist kein Gnadenakt, sondern ein rechtlicher Anspruch (in Berlin
gemäß § 58 Abs. 8 SchulG). Er wird in der Regel jährlich überprüft und muss jährlich neu
beantragt werden.
5. Jugendamt: Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII beantragen
Wenn die Teilhabe Ihres Kindes am schulischen oder sozialen Alltag erheblich
beeinträchtigt ist und ohne zusätzliche Hilfe nicht ausreichend gelingt, kann ein Anspruch
auf Eingliederungshilfe bestehen.

Mögliche Leistungen:
• Kita- oder Schulbegleitung (Integrationshilfe)
• Lern- und Organisationshilfen
• Soziale Kompetenztrainings
• Therapeutische Gruppenangebote

➔ So gehen Sie vor:
1. Formlosen Antrag beim Jugendamt stellen
2. Diagnosebericht einreichen
3. Stellungnahme der Schule/Kita beilegen
4. Fachärztliche Einschätzung
5. Hilfeplangespräch
6. Bewilligung und Umsetzung6. Kinder- und Jugendpsychotherapeut*in: Psychotherapie beantragen
Nicht jedes Kind benötigt sofort Therapie – sinnvoll ist jedoch, sich frühzeitig zu informieren
und anzumelden, da es häufig Wartezeiten gibt.

Mögliche Unterstützung für Ihr Kind:
• Verhaltenstherapie
Unterstützung bei Aufmerksamkeit, Impulssteuerung, Emotionsregulation und
sozialen Kompetenzen.
• Training von Selbststeuerung und Alltagsstrategien
z. B. Umgang mit Ablenkung, Frustration oder Übergängen.
• Unterstützung bei begleitenden Belastungen
z. B. Ängsten, geringem Selbstwert oder emotionaler Überforderung.

Mögliche Unterstützung für Eltern
• Elternberatung / Elterntraining
Vermittlung von Strategien für den Alltag, Strukturierung, klare Kommunikation und
positive Verstärkung.

➔ So finden Sie eine*n Psychotherapeut*in:
1. Bei der eigenen Krankenkasse anrufen
→ Beratung zur Therapeut*innensuche, ggf. Hinweise zu freien Plätzen oder
zum weiteren Vorgehen bei langen Wartezeiten.
2. Terminservicestelle kontaktieren (☎ 116 117)
https://www.116117.de/de/psychotherapie.php
→ Schnellster Weg zu einem Erstgespräch (psychotherapeutische
Sprechstunde).
3. Online nach Therapeut*innen suchen
z. B. über die Psychotherapeutensuche der Kassenärztlichen Vereinigungen.
https://psych-info.de
→ Mehrere Praxen parallel kontaktieren und auf Wartelisten setzen lassen.
4. Kontakte dokumentieren
→ Notieren Sie Anfragen und Rückmeldungen (kann später hilfreich sein).
5. Terminvermittlung durch Hausärztinnen und Hausärzte
7. Kinder- und Jugendpsychiater*in: Verschreibung der Medikation bei ADHS

• Medikamente können bei ADHS eine unterstützende Behandlungsmöglichkeit sein.
Sie ersetzen keine Förderung, keine Struktur im Alltag und keine pädagogischen oder
therapeutischen Maßnahmen.• In manchen Fällen können Medikamente jedoch helfen, bestimmte Symptome zu
lindern und dem Kind den Alltag in Kita, Schule und Familie zu erleichtern. Ob eine
medikamentöse Behandlung sinnvoll ist, wird immer nach individuellem Bedarf und
in enger Absprache mit einer Kinder- und Jugendpsychiaterin oder einem Kinder- und
Jugendpsychiater entschieden.
• Eine medikamentöse Behandlung ist keine Pflicht. Sie erfolgt nur, wenn sie als
hilfreich eingeschätzt wird und von den Eltern mitgetragen wird.
• Medikamente werden ausschließlich auf ärztliches Rezept verordnet und regelmäßig
überprüft.

8. Sozialpädiatrisches Zentrum kontaktieren
Das Sozialpädiatrische Zentrum (SPZ) unterstützt Kinder mit ADHS/ADS, wenn der
Unterstützungsbedarf über einzelne Maßnahmen hinausgeht oder mehrere Bereiche
betroffen sind.
Aufgaben eines SPZ bei ADHS/ADS können sein:
• Einordnung der ADHS-Diagnose im Gesamtbild des Kindes
• Einschätzung von Begleitproblemen (z. B. Entwicklungs-, Lern- oder
Verhaltensschwierigkeiten)
• Behandlungs- und Förderplanung bei ADHS/ADS
• Verordnung und Koordination von Therapien
• Beratung der Eltern zum Umgang mit ADHS im Alltag
• Unterstützung der Zusammenarbeit mit Kita, Schule und weiteren Fachstellen
➔ Ein SPZ kann besonders hilfreich sein, wenn eine langfristige, koordinierte
Begleitung sinnvoll ist.

9. Weitere Therapiemöglichkeiten und Unterstützungsangebote
Nicht jedes Kind benötigt alle Angebote – die therapeutische Unterstützung wird nach
individuellem Bedarf ausgewählt.

Mögliche Angebote bei ADHS/ADS sind z. B.:
• Ergotherapie (z. B. bei Schwierigkeiten mit der Feinmotorik, mit der Selbstregulation
oder Wahrnehmung)
• Heilpädagogische Förderung
• Sozialkompetenztrainings
• Gruppenangebote für Kinder mit ADHS/ADS

10. Abschließende Hinweise
Ihr Kind ist mehr als seine Diagnose. Mit Verständnis, Struktur und passender Unterstützung
kann es seinen eigenen Weg gehen. Sie als Eltern sind dabei der wichtigste Anker. Nicht alleSchritte aus diesem Leitfaden müssen sofort umgesetzt werden. Sie dürfen auswählen,
priorisieren und in Ihrem eigenen Tempo vorgehen. Unterstützung anzunehmen ist kein
Zeichen von Schwäche, sondern ein wichtiger Schritt, um Ihrem Kind gute
Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen.
Dieser Leitfaden ersetzt keine individuelle Beratung, soll Ihnen aber Sicherheit und
Orientierung für die nächsten Schritte geben.
Wir wünschen Ihnen alles Gute für Ihren weiteren Weg!